Tactical Urbanism: Mit temporären Maßnahmen Veränderungen erproben
Noch bevor Sie dauerhafte Maßnahmen umsetzen und große Investitionen in die Infrastruktur tätigen, können Sie die Umgestaltung mithilfe temporärer Maßnahmen testen und erproben.
Temporäre Maßnahmen als Zwischenschritt zur langfristigen Umgestaltung
Wie verändert sich ein Ort, wenn Parkplätze zu Aufenthaltsflächen werden, der Verkehr langsamer fährt, umgeleitet wird oder der Straßenraum anders genutzt wird? Temporäre Maßnahmen bieten Gemeinden, Städten und engagierten Bürger:innen die Möglichkeit, solche Veränderungen auszuprobieren, Erfahrungen zu sammeln und ihre Wirkung im Alltag sichtbar zu machen.
Temporäre Maßnahmen werden nur für einen begrenzten Zeitraum umgesetzt. Gerade dieser zeitlich befristete Charakter erleichtert es häufig, unterschiedliche Lösungen im Alltag zu testen. In der Orts- und Stadtentwicklung sowie in der Verkehrsplanung dienen sie insbesondere dazu, den Verkehr zu beruhigen, problematische Verkehrssituationen zu verbessern, den Fuß- und Radverkehr zu stärken und öffentliche Räume attraktiver zu gestalten. Häufig werden solche Ansätze auch unter dem Begriff „Tactical Urbanism“ zusammengefasst.
Ein zeitlich begrenzter Einsatz kann aus unterschiedlichen Gründen sinnvoll sein:
Bewusstsein schaffen: Gezielte Aktionen können auf problematische Verkehrssituationen aufmerksam machen oder eine gerechtere Verteilung des Straßenraums veranschaulichen.
Gelegenheiten nutzen: Temporäre Maßnahmen können an bestimmte Ereignisse oder vorübergehende Situationen anknüpfen, etwa an ohnehin anfallenden Baustellen.
Dauerhafte Veränderungen vorbereiten: Temporäre Maßnahmen ermöglichen es, Gestaltungsideen vor einer langfristigen baulichen Umsetzung im Alltag zu erproben. Die dabei gewonnenen Praxiserfahrungen ermöglichen eine qualitativ hochwertige Detailplanung.
Vorteile durch zeitlich begrenztes Ausprobieren
Temporäre Maßnahmen ermöglichen es, geplante Lösungen frühzeitig im Alltag zu erproben und auf Basis konkreter Erfahrungen weiterzuentwickeln. Rückmeldungen aus der Bevölkerung helfen dabei, Stärken und Schwachstellen zu erkennen und die Qualität der späteren Umsetzung zu verbessern. Werden die Erfahrungen und Anliegen der Betroffenen aufgegriffen und nachvollziehbar berücksichtigt, kann dies auch das Vertrauen in den Planungsprozess und die Akzeptanz des Projekts stärken.
Mehr Akzeptanz: Durch die zeitlich begrenzte Umsetzung können Anrainer:innen Veränderungen schrittweise kennenlernen und ihre Auswirkungen im Alltag erleben.
Mehr Vertrauen: Die Bevölkerung kann Erfahrungen einbringen und Rückmeldungen geben. Das schafft Transparenz und stärkt das Vertrauen in den Planungsprozess.
Bessere Lösungen: Praxiserfahrungen fließen direkt in die Planung mit ein.
Weniger Folgekosten: Anpassungen können bereits während der Erprobung vorgenommen werden. Dadurch lassen sich aufwendige und kostspielige Nachbesserungen vermeiden.
Schnelle Umsetzung: Erste Verbesserungen können oft rasch und unkompliziert realisiert werden, noch bevor eine dauerhafte Umgestaltung erfolgt.
Wie können temporäre Maßnahmen aussehen?
Temporäre Maßnahmen bieten vielfältige Möglichkeiten, den Straßenraum anders zu nutzen und neue Lösungen zu erproben. Dazu zählen etwa die zeitlich begrenzte Einrichtung von Begegnungszonen, Fußgängerzonen oder Tempo-30-Zonen, die Öffnung von Fußgängerzonen für den Radverkehr sowie Schulstraßen, Wohnstraßen oder Spielstraßen. Auch Geschwindigkeitsreduktionen, Änderungen der Verkehrsführung – beispielsweise durch Pop-up-Radwege im Zuge einer Baustelle – und provisorische bauliche Anpassungen mit mobilen Randsteinen oder Absperrmodulen können temporär umgesetzt werden.
Aus der Praxis:In der Gemeinde Hittisau wurde ein Parkplatz im Ortszentrum in einen Pop.up.Dorfplatz umgestaltet, der mehrere Monate pro Jahr für Freizeitaktivitäten genutzt wird. Nach fünf Jahren temporärer Nutzung wurde der Dorfplatz dauerhaft umgestaltet. Das Projekt wurde mit dem VCÖ-Preis ausgezeichnet. Weiterlesen
Erfolgsfaktoren für die Umgestaltung
Damit temporäre Maßnahmen ihre Wirkung entfalten und wertvolle Erkenntnisse für die weitere Planung liefern, sind folgende Faktoren entscheidend:
- Die Ausgangslage kennen: Die Verkehrssituation analysieren, Probleme benennen und geeignete Lösungsansätze entwickeln.
- Frühzeitig und transparent kommunizieren: Ziele, Umfang und Dauer der Erprobung verständlich vermitteln – bereits im Vorfeld und möglichst auch direkt vor Ort.
- Rückmeldungen ermöglichen und aufgreifen: Einfach zugängliche Möglichkeiten für Feedback schaffen und die Rückmeldungen konstruktiv in die Weiterentwicklung einbeziehen.
- Wirkungen überprüfen: Beobachten und auswerten, ob die angestrebten Ziele erreicht werden und wo Anpassungsbedarf besteht.
- Flexibel bleiben: Die Maßnahmen so gestalten, dass notwendige Anpassungen rasch und mit geringem Aufwand möglich sind.
- Mut, Ausdauer und Geduld mitbringen: Veränderungen brauchen Zeit, um sich im Alltag zu bewähren und gemeinsam weiterentwickelt zu werden.
Zielgruppenspezifische Beteiligungsangebote können zusätzlich dazu beitragen, unterschiedliche Bedürfnisse sichtbar zu machen und mehr Menschen aktiv in die Planung und Erprobung einzubeziehen.
Die Europäische Mobilitätswoche als praktischen Anknüpfungspunkt
Die Europäische Mobilitätswoche bietet eine gute Gelegenheit, um mit temporären Maßnahmen zu beginnen. Sie findet jedes Jahr vom 16. bis 22. September statt und dient dem Erfahren und Erproben von Mobilitätsangeboten. Ihr temporärer Charakter trägt zur Akzeptanz bei.
Wenn Sie Ihr Projekt bei der Europäischen Mobilitätswoche registrieren und sich für die Mobilitätswochen-Awards anmelden, erhält es zusätzliche mediale Aufmerksamkeit. Gleichzeitig bietet die Kampagne Sujets und Angebote, die frei für die Kommunikation und Öffentlichkeitsarbeit genutzt werden können – das spart Zeit und Geld. Regionale Beratungsstellen unterstützen Sie bei der Umsetzung.
Aus der Praxis: Die Stadt Innsbruck nutzte die EMW, um einen Beteiligungsprozess rundum das Projekt „Erlebnisraum Superblock” anzuregen. Weiterlesen