Gestaltung von Straßenräumen und Infrastrukturen für Aktive Mobilität
Was braucht es, damit Menschen gerne zu Fuß gehen und Rad fahren? Drei ausgewählte Studien zeigen, welche Anforderungen eine gut gestaltete Infrastruktur erfüllen muss.
Was wünschen sich Kinder von der Gestaltung von Straßenräumen?
Eine aktuelle Studie der Universität für Bodenkultur Wien (BOKU) zeigt, wie wichtig die Gestaltung des öffentlichen Raums für die Aktive Mobilität von Kindern ist. Im Rahmen der Studie wurden 12- bis 14-jährige Kinder von drei österreichischen Schulen mithilfe einer innovativen, bildbasierten Best-Worst-Scaling-Methode befragt. Dabei wurden verschiedene Szenarien gezeigt, um die Präferenzen der Kinder bei der Straßenplanung zu ermitteln.
Die Ergebnisse zeigten, dass Kinder ein hohes Bewusstsein für ihre Umgebung haben. Für das sichere Zu-Fuß-Gehen sind saubere Straßen ohne Müll und Graffiti sowie mehr Grünflächen und breite Gehwege entscheidend. Beim Radfahren ist den Kindern hingegen ein großer Abstand zur Fahrspur, eine geringe Autoverkehrsdichte und eine grüne Umgebung wichtig. Die Studie empfiehlt daher, getrennte Radwege und Mindestabstände in der Straßenplanung für Schulwege prioritär zu berücksichtigen. Eine differenzierte Planung für Fuß- und Radverkehr ist zielführend.
Wie lassen sich Infrastrukturen für Aktive Mobilität bewerten?
Eine aktuelle Studie unter Mitwirkung der Paris‑Lodron‑Universität Salzburg entwickelt ein neues Konzept zur Bewertung von Infrastrukturen für Aktive Mobilität. Es kombiniert technische Modelle der Verkehrsplanung mit den Prinzipien der 15‑Minuten‑Stadt und soll Entscheidungsträger:innen sowie Praktiker:innen bei fundierten Einschätzungen unterstützen.
Auf Basis einer umfangreichen Literatur-Analyse wurden 138 relevante Indikatoren in den Bereichen Infrastrukturanlagen, räumliche Anordnung, gebaute und natürliche Umgebung, Ausstattung, Nähe und Erreichbarkeit, sowie Verkehrsströme identifiziert. Die Studie veranschaulicht, wie das Zusammenspiel von physischer Infrastruktur, Umgebung und funktionaler Leistung die Erfahrungen von Fußgänger:innen und Radfahrer:innen prägt. Außerdem konnten sogenannte „Golden Nuggets“ identifiziert werden: Schlüsselindikatoren, die bei der Evaluierung von Infrastrukturen für Aktive Mobilität jedenfalls berücksichtigt werden sollen.
Als „Golden Nugget“ zählen, nach Reihung der Häufigkeit, unter anderem:
Verkehrsvolumen und Fahrzeuggeschwindigkeit
Gehwegbreite
Oberflächenzustand (Risse, Schlaglöcher) und das Vorhandensein von Hindernissen (z.B. Schilder)
Fußgängergeschwindigkeit und -dichte, Geschwindigkeit von Radfahrenden
Puffer zwischen Gehweg und Fahrbahn
Vorhandensein von Straßenbeleuchtung und Bäumen
Wer hat Zugang zu Fahrradinfrastruktur?
In vielen Städten wird die Fahrradinfrastruktur ausgebaut. Die Frage, ob alle Einwohner:innen gleichermaßen davon profitieren, wird dabei jedoch oft übersehen. Eine Forschungsarbeit an der Universität Weimar beschäftigte sich mit sozialer Gerechtigkeit bei der Radverkehrsplanung und untersuchte am Beispiel der Stadt Weimar, welche sozioökonomischen Gruppen Zugang zu Fahrradinfrastruktur haben.
Dafür entwickelten die Forscher:innen ein GIS‑Tool, das für jeden Wohnort in der Stadt einen sogenannten Fahrrad‑Gerechtigkeitsindex berechnet. Dieser zeigt, welcher Anteil der täglichen Wege über bestehende Fahrradinfrastruktur zurückgelegt werden kann. Im Durchschnitt liegt der Wert in Weimar bei 40 Prozent, doch die Unterschiede sind groß: je nachdem, wo man in Weimar wohnt, reicht der Index von nur 6 bis hin zu 81 Prozent.
Die Ergebnisse zeigen eine Korrelation zwischen einem hohen Fahrrad-Gerechtigkeitsindex und Wohnorten, an denen sozioökonomisch besser gestellte Milieus leben. Niedrigere Werte treten dagegen häufiger in Bereichen auf, in denen Menschen mit weniger Ressourcen wohnen. Das entwickelte Tool lässt sich auch in anderen Gemeinden einsetzen und kann helfen, Ungleichheiten sichtbar zu machen und gezielt abzubauen.